Wird das Internet zum Spielplatz?

Dass der Spieltrieb derart stark zum Menschen gehört, dass es Philosophen einfiel, den sapienten Aufrechtgänger als Homo Ludens ("Spielender Mensch") zu titulieren, ist den Gebildeten bekannt. Auch wenn man sich fragen mag, warum der Australophitecus keine Spiellaune gehabt haben soll, wo doch jedes Jungtier in Wald und Flur, auf Wiesen und Steppen offensichtlich nichts lieber tun, als verspielt herumzutollen. Der moderne Vertreter dieses Spieltriebs, der Gamer, ist ebenfalls allen ein Begriff, schon als Image. Er hockt stunden- und tagelang vor der Spielkonsole und vergisst die Welt um sich herum, während in seinem Gesicht wild die Pickel sprießen.

Dieses Bild gehört der Vergangenheit an, glaubt man dem Games-Report 2011 des Bundesverbandes Interaktive Software. Dieser nämlich verkündet ein radikal verändertes Spielerbild innerhalb unserer Gesellschaft. Von den 14,5 Millionen Deutschen, die demnach Online-Games - um diese soll es hier gehen - spielen, sollen 44 Prozent weiblich sein, 35 Prozent das Abitur haben und sogar 27 Prozent den Hochschulabschluss. Auch vorausgesetzt, dass es sich bei der letztgenannten Zahl um minderwertige Abschlüsse wie die neuen amerikanischen Bachelor- und Master-Abschlüsse handelt, verblüfft diese Zahl dennoch.

Der Analyse bleiben drei Interpretationen:1. Die Online-Spiele sind interessanter geworden; 2. die Menschen sind dümmer geworden oder 3. das Bedürfnis nach Entspannung ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Punkte 2 und 3 sind in einem kurzen Beitrag nur schwer zu verifizieren, also beschauen wir kurz den ersten Punkt. Zu diesem Zweck begeben wir uns in ein bekanntes Portal für Online-Games, www.spiele-zone.de, das etwa 1 Millionen Nutzer monatlich haben soll.

Die nun folgenden Geschehnisse sind schnell erzählt. Der Autor machte eine merkwürdige Erfahrung. Auf der Suche nach interessanten Spielen suchte er in den Kategorien Strategiespiele und Puzzle und fand auch Einiges zum Probieren. Schwer genug, bei der hohen Auswahl, die sich dem User hier erschließt. Allein: das Klicken hin und her, die Suche nach dem "Was mach´ ich jetzt?" ermüdete ihn schnell. So kam ihm bald die traurige Erkenntnis, dass er zugehörig sein müsse zur Gruppe der Anderen, den 65,5 Millionen Nicht-Spielern. Und so verließ er das Spielgeschehen und beendete kurz und bündig den Artikel.

Der Hass auf die Kultur

Gelegentlich blitzt in Äußerungen einzelner Bürger - wie in einigen Kommentaren zu einem aktuellen Tagesspiegel-Artikel wieder einmal deutlich wird -ein überraschender Hass auf Kultur und Künstler durch. Gerade am Berliner Beispiel lässt das um so mehr erstaunen, als die dortige Kultur einen wesentlichen Beitrag zum Image Berlins als Weltkulturmetropole und dem daraus folgenden, florierenden Berlin-Tourismus leistet. Warum ist das so?

Die Kultur hat oft eine gesellschaftlich ausgleichende Funktion, die z.B. darin bestehen kann, Verzerrungen zu benennen, auch politische. Die Arbeit von Künstlern ist meist "politisch korrekt". Sie produzieren bei ihrer Arbeit nicht tonnenweise CO2 oder andere Schadstoffe, arbeiten nicht für die Waffenindustrie, verführen die Menschen nicht mit Werbung, tragen nicht dazu bei, Mieter aus Bezirken zu katapultieren, versiegeln den Boden nicht mit Asphalt. Sie sind einfach nur Maler, Texter, Fotografen, Filmer, Bildhauer. Das tut der Welt nicht weh. Doch gerade darum lösen sie bei vielen Bürgern - wie man an den Kommentaren sieht - Agression aus. Sie sind "moralisch sauber", sind das, was die anderen auch gerne wären, aber wegen "der Realität" nicht zu schaffen glauben. Die Agression den Künstlern gegenüber, dem - wie die Bürger offenbar glauben - eigentlich Wahren und Schönen, ist deshalb eigentlich gegen sich selbst gerichtet, Selbsthass, wie ihn Alice Miller bekanntermaßen in ihrem Werk beschrieb.

Wirtschaftlich profitieren viele in Berlin von der Kunst, die Künstler selber in der Regel am allerwenigsten. Die Touristen kommen vor allelm wegen der "Kulturszene" nach Berlin, zahlen tun sie in Restaurants, Hotels, Kneipen und Clubs. Zum Argument, Kunstprodukte seien ohnehin nicht zahlbar: Es gibt nicht wenige Künstler, die für sehr wenig Geld Kunst verkaufen, die sich auch Nicht-Wohlhabende leisten könnten. Ein Argument kann dies nicht sein. Es ist wohl eher so, dass die Phrase vom Land der Dichter und Denker ein Mythos zu sein scheint. Johann Wolfgang von Goethe, der mitsamt seinem Freund Schiller in der Regel als Beispiel für den im Deutschen allgemein schlummernden Dichter (Schläfer?) herhalten muss, sah das schon zu seiner Zeit so. In Deutschland, so klagte er einmal, gäbe es all zu wenig Dichter. Und das Werk dieser weniger gäbe selten zu Verzückung Anlass.